Betr: Familie Frenkel, Bartelsstraße 9

Pinkus Frenkel betrieb in der Bartelsstraße 7-11 ein erfolgreiches Unternehmen. Er vertrieb Teerprodukte, Lacke und Farben. Seit dem 13. August 1935 war er mit Charlotte Tugendhaft verheiratet. Pinkus wurde am 12. Mai 1903 im polnischen Olkuss geboren, Charlotte am 21. Juni 1907 in Hamburg. Beide hatten zwei Kinder: Etti, geboren am 6. Mai 1936 und Vera, geboren am 2. Februar 1938. Vera war sechs Monate alt, als die Familie deportiert wurde.

1916 war Pinkus mit seinen Eltern nach Altona gezogen. Bis 1921 besuchte er die Talmud-Tora-Schule in Hamburg, danach begann er kaufmännische Lehre. Nach deren Abschluss 1924 hatte er sich selbstständig gemacht, in der Deichstraße 19 unter der Bezeichnung “Frenkel & Sohn”. Mit ihrer Hochzeit 1935 fanden Pinkus und Charlotte eine 4-Zimmer-Wohnung in der Bartelsstraße 7-11. Pinkus hatte dort auch ein Lager für Farbe. 1936 begannen seine “arischen” Kunden die Einstellung der Geschäftsbeziehungen, so dass sich ihre Lage verschlechterte. Ab 1937 wurde ihm als Juden verboten, zu reisen, so dass auch sein Auslandsgeschäft immer mehr einbrach.

Bis zum Morgen des 28. Oktober 1938 wohnte die Familie Frenkel in der Bartelsstraße 7 – 11.  an diesem Tag wurden Sie aus dem Schlaf gerissen und unmittelbar von der Polizei deportiert. Im Rahmen der so genannten “Polen-Aktion” wurden in Deutschland kurzfristig Verhaftungen von mindestens 17.000 im Deutschen Reich lebenden, aus Polen eingewanderten Juden durchgeführt und auf Ausweisung von Heinrich Himmler an die polnische Grenze deportiert. Diejenigen, die in Polen keine Familienangehörigen hatten, bei denen sie unterkommen konnten, wurden im Ort Zbąszyń interniert. Im Winter 1938/39 hielten sich bis zu 8.000 polnische Juden im Lager auf, in dem katastrophale hygienische Bedingungen herrschten. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 fielen diese Jüdinnen/Juden erneut unter deutsche Herrschaft; nur wenige von ihnen überlebten den Terror.

Am Morgen des 28. Oktober 1938, waren sie von einem auf den anderen Tag mittellos. Da Pinkus Frenkel keine Verwandten mehr in Polen hatte, mussten sie über 11 Monate in Zbąszyń leben. Sie hausten in Pferdeställen und waren auf finanzielle Hilfe angewiesen. Sie versuchten ihrer verzweifelten Lage zu entkommen. Anfang August 1939 organisierte das Hilfskomitee in Warschau für Pinkus eine Fahrt nach England, damit er dort eine neue Zukunft schaffen und die Familie nachholen konnte. Doch am 1. September 1939 überfiel Nazi- Deutschland Polen und seitdem verloren sich die Spuren von Charlotte, Vera und Etti Frenkel. Sie wurden am 8. Mai 1945 für tot erklärt. Charlottes Mutter, die von der Ausweisung 1938 nicht betroffen war, wurde gezwungen, das Geschäft 1939 zu verkaufen, konnte aber danach in die USA fliehen. Das Vermögen von „Frenkel & Sohn“ wurde in Hamburg von den Nazis beschlagnahmt. Das war Raub. Die Schwester von Pinkus Frenkel wie auch sein Vater wurden ebenfalls von den Nazis ermordet.

In fast jeder Straße im Schanzenviertel finden sie NS-Opfer

Egal, wo Sie sich in den Straßenzügen rund um die Bartelsstraße, dem Schulterblatt oder der Schanzenstraße bewegen, vor vielen Häusern finden Sie Stolpersteine, die an die NS-Opfer erinnern. Es gibt noch mehr NS-Opfer als es Stolpersteine gibt. In unserer Nachbarschaft waren Widerstandskämpfer, ob Kommunisten oder Sozialdemokraten betroffen (Kampstraße 7, Bartelsstraße 53, Lippmannstraße 69). Oder sie wurden ermordet, weil sie krank (Schulterblatt 24, Schanzenstraße 28, Lerchenstraße 115) oder homosexuell (Bartelsstraße 10) waren. Massenhaft wurden jüdische Menschen erst gemobbt, dann verfolgt, enteignet, in den Tod getrieben und im KZ ermordet (Bartelsstraße, Lippmannstraße, Lerchenstraße, Juliusstraße, Schanzenstraße, Susannenstraße, Neuer Pferdemarkt, Kampstraße). Es gab hunderte Zwangs- arbeiter hier in der Nähe, die in Lagern festgehalten und tagsüber zur Zwangs- arbeit eingesetzt wurden (Schulterblatt 38 in der Piano Fabrik/Schulterblatt). Ein gleiches Bild könnte man die Straßenzüge um die Weidenallee auf der anderen Seite vom  Bahnhof Sternschanze zeichnen.

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