Einladung der Nachbarschaft aus der Schäferstraße

Liebe Nachbarn, gestern hatten wir eine Straßenbegehung der Schäferstraße mit Bernhard Esser. Er ist 1944 geboren und  in der Schäferstraße 4 aufgewachsen. Die Straßen und Hinterhöfe bei uns im Viertel waren seine Spielplätze. Sein Vater, Rudolf Esser, ist auch in der Schäferstraße groß geworden.  Seit 1932 hatte er  bis in die 1960er Jahre seine Schuhmacherei im Erdgeschoss der Schäferstraße 10.  Gesprochen haben wir über die NS-Zeit hier bei uns im Wohngebiet. 

Da es am 9. November 2020 um 18 Uhr eine virtuelle Kundgebung bei uns im Viertel in Erinnerung an die November-Pogromen 1938 gegen jüdischen Menschen gibt, will ich Ihnen aus diesem Gespräch etwas erzählen. Meine Hoffnung ist, dass ich bei Ihnen Interesse am Montag, den 9. November wecken kann. 

Anlass für unser Treffen mit Bernhard Esser war der Stolperstein vor der Schäferstraße 4, der an seinen Onkel, Alwin Esser, erinnert. Alwin wurde am 10. November 1933 von der Gestapo erschlage. Er wurde nur 21 Jahre alt. Es gibt noch weitere Stolpersteine in der Schäferstraße, so vor der Nummer 31 und 8. Die fünf Stolpersteine vor der Schäferstraße 8 erinnern an die jüdische Familie Mannheim. Walter Mannheim war Ausbildungsleiter für Schlosser in einer jüdischen Werkschule in unmittelbarer Nähe, in der Weidenallee 10b.

Ich habe vor kurzem einen seiner Lehrlinge, Kurt Goldschmidt, der heute 97 Jahre alt ist und in New York lebt, kennengelernt. Kurt Goldschmidt wird auch an unserer virtuellen Kundgebung am 9. November 2020 ab 18 Uhr teilnehmen, da wir diese im Internet durchführen. Walter Mannheim und seine Familie wurden 11. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits gezwungen worden, in die Agathenstraße 3,  einem so genannten „Judenhaus“ zu leben, zusammengepfercht  mit vielen jüdischen Familien. Die gesamte Familie Walter und Eva Mannheim wurden von den Nazis ermordet. 

Rudolf Esser, der Vater von Bernhard Esser, hat während der NS-Zeit jüdischen Mitbürger immer wieder geholfen. Bernhard erzählte mir, dass die jüdischen Nachbarn gerne in seine Schuhmacherei kamen, um den schweren Alltag zu entkommen. Rudolf Esser half ihnen mit Lebensmittel, dass sie auf Grund ihrer verarmten Lebensverhältnisse als Folge des Antisemitismus wenig zu essen hatten. Im Rücken Ihres Hauses, Richtung Schäferkampsallee, war in der Nummer 25/27 eine Volksküche für die ausgegrenzten jüdischen Menschen. Aus den beiden Häusern 25/27 und 29 wurden ab 1941 auch so genannte “Judenhäuser.” 1943 zog das Israelitische Krankenhaus in die Schäferkampsallee 29 ein.

Bernhard erinnert sich an eine Begebenheit, die sein Vater ihm geschildert hatte. Eine Bewohnerin aus der Schäferstraße 8 hatte einem jüdischen Mädchen ihre Brille von der Nase geschlagen und auf dem Bürgersteig zertreten.

Stolz zeigte mir Bernhard Esser gestern eine Urkunde.  Für Rudolf Esser hat die Hansche-Stiftung im Jahre 1999 im ewigen Andenken für den Mut, jüdischen Menschen zu helfen, vier Bäume gepflanzt. 

Am 9./10. November 1938 zerstörten SS-Truppen in Hamburg hunderte jüdische Geschäfte und Einrichtungen. Die Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 hin zur systematischen Verfolgung, die später in den Holocaust mündete. Am Abend des 9. November 1938 sprach “Reichspropagandaminister” Josef Goebbels von einer “Jüdischen Weltver- schwörung“ und  lobte die angeblich „spontanen“ judenfeindlichen Aktionen.  Anlässlich der November-Pogrome 1938 in Deutschland möchten wir in unserem Wohngebiet an diesem Tag der Verfolgung jüdischer Menschen in unserem Wohngebiet zu erinnern. 

Virtuelle Kundgebung zu den November-Pogromen im Weidenviertel um 18 Uhr

Am 9. November 2020 führen wir eine virtuelle Kundgebung um 18 Uhr durch, um an das Geschehen zu erinnern. Zeitzeugen und Angehörige von NS-Opfern aus unserem Wohngebiet kommen zu Wort. Wir bieten außerdem einen virtuellen Rundgang zu Stolpersteinen im Viertel an.  Zu einzelnen würden Verwandte, Patinnen der Stolpersteine oder deren Biographie-Autorinnen etwas erzählen. Es wird zwei Beiträge von zwei ehemaligen Lehrlingen aus der jüdischen Werkschule in der Weidenallee 10b geben: Kenneth Hale (98 Jahre) und Kurt Goldschmidt (97 Jahre). Sie waren 1939/40 in der Werkschule tätig und leben heute in New York. Der Enkel von Jacob Blanari, dem damaligen Ausbildungsleiter der Tischler, Benjamin Blanari, wird live dazugechaltet. Gabor Gottlieb, Fraktionsvorsitzender der SPD-Eimsbüttel und Ali Mir Agha, Fraktionsvorsitzende der Grünen Eimsbüttel werden an der virtuelle Kundgebung teilnehmen.

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