Redebeitrag Svenja Hohnke, Schulleiterin der Ganztagsgrundschule Sternschanze

Ich bin Svenja Hohnke und die Schulleiterin der Ganztagsgrundschule Sternschanze. 1942 hieß die Schule Volksschule Schanzenstraße und die Schulleiterin hieß Emma Lange. Sie schrieb im April 1942 den Brief, den wir nachher noch hören werden.

Das Büro, in dem ich als Schulleiterin sitze, wird vermutlich auch das Arbeitszimmer von Emma Lange gewesen sein. Der Blick aus dem Fenster geht auf den Schulhof, auf dem sich sich damals, am 15. und 19. Juli 1942 über 1.700 jüdische Menschen versammeln mussten, um anschließend nach Theresienstadt deportiert zu werden. Es waren auch Schülerinnen und Schüler der Israelitischen Töchterschule dabei. Um diese Kinder geht es in dem Brief von Emma Lange, an diese Kinder erinnern wir
heute.

Emma Lange war von 1932 bis 1957 (mit einer Unterbrechung von 1933 bis 1943) Schulleiterin der Volksschule Schanzenstraße. Hans-Peter De Lorent hat im 2. Band der Reihe „Täterprofile“ festgehalten, dass sie seit 1937aktives NSDAP-Mitglied gewesen war. Bereits 1933 war sie in den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB) eingetreten – zu dem Zeitpunkt, zu dem die jüdischen Lehrerinnen und Lehrer in Hamburg aus dem Schuldienst vertrieben wurden. Eine ganz bewusste Richtungsentscheidung also. Zu diesem Zeitpunkt war sie zudem Gau-Verantwortliche für Mädchenerziehung arbeitete bei der Reichszeitung der Nazis und in der NS-Mädchenerziehung mit und hielt Vorträge in der Lehrerinnenfortbildung. Eine politische Funktion im nationalsozialistischen Hamburger Schulwesen. Weitere Funktionen in NS Organisationen folgten.

Den Brief, den sie am 2. April 1942 an die Hamburger Schulbehörde verfasst und unterschrieben hatte, werden wir gleich vorgelesen bekommen. Es ist ei erschütterndes Schreiben, das mit dem Wohl der Schulgemeinschaft argumentiert und so auf perfide und manipulative Weise antisemitisches und
menschenverachtendes Gedankengut verbreitet. Emma Lange wurde nach ihrer Entnazifizierung bereits im September 1945 wieder als Schulleiterin eingesetzt und blieb es bis zu ihrer Pensionierung 1957.
Der damalige Schulrat Fritz Köhne, ebenfalls NSDAP Mitglied, der den gesamten Briefwechsel zur Schließung der Israelitischen Töchterschule gegenzeichnete – auch jenen von Emma Lange – hat auch ih
Wiedereinsetzung als Schulleiterin nach ihrer Entnazifizierung 1945 befürwortet. Sie hatte im Laufe des Verfahrens wahrheitswidrige Angaben gemacht, man wollte offenbar nicht hinschauen.

Unser heutiger Schulsenator Ties Rabe schrieb 2017 im Vorwort zum 2. Band der „Täterprofile“, dass Personen wie Emma Lange nach 1945 nicht mehr mit der Bildung und Erziehung von Kindern hätten betraut werden dürfen. „Es war im Schulwesen in besonderer Weise fatal, die nunmehr demokratischen
Prinzipien folgende Erziehung der jungen Generationen Menschen anzuvertrauen, die bis 1945 in eklatanter Weise politisch oder rechtlich fragwürdig gehandelt, vor allem aber moralisch völlig versagt hatten.“

Hamburgs zweite Bürgermeisterin und Wissensschaftssenatorin Katharina Fegebank ergänzte im 3. Band im Folgendes: „Ein hohes Maß an personeller Kontinuität prägte nahezu alle relevanten Bereiche der öffentlichen Verwaltung … Die viel beschworene ‚Stunde Null‘, einen unbelastetennNeuanfang, gab es nicht.“

Vor diesem Hintergrund bin ich sehr froh, dass ich mit der Leiterin Gedenkstätte der Israelitischen Töchterschule, Anna von Villiez, Anfang dieses Jahres über den Brief Emma Langes sprechen konnte. Es ist erschütternd, wiekaltherzig antisemitisch Pädagoginnen und Pädagogen damals agierten. Es war
verbrecherisch.

An unserem Schulgebäude erinnert seit 1985 eine Tafel an die Menschen, die 1942 vom Schulhof aus deportiert wurden und von denen nur 149 überlebten. Darunter die damals 18-jährige Schülerin Esther Jonas und drei weitere Kinder der Israelitischen Töchterschule. Auch deren ehemaliger Schulleiter, Alberto
Jonas, wie auch die Schulärztin Marie-Anna Jonas, Eltern von Esther, kamen um. Ein sehr, sehr kleiner Beitrag des Erinnerns an diese Opfer und an dieses tragische und furchtbare Geschehen. An ein beispielloses Verbrechen.

Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung gibt es weiterhin – überall – offen und verdeckt. Wir alle sind aufgefordert, Haltung einzunehmen und unsere Meinung zu sagen. Im Sinne von Esther Jonas, die später Esther Bauer hieß und 2016 in den USA starb. Auf die Frage, was das Wichtigste sei, sagte sie
2011: „Es muss erzählt werden und ich sage den Schülerinnen und Schülern (Kindern): Ihr müsst dafür sorgen, dass das nie wieder passiert. Das ist die Hauptsache.“

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