Über den Raubkauf der Benjamin Musikverlage durch Hans Sikorski

1938 mussten die Bemjamins ihrem Unternehmen und ihre Immobilien verkaufen. Familienmitglieder konnten fliehen, andere wurden über die Schule Schanzenstraße deportiert. Die jüngsten der Familie, Jardena und Ruben Benjamin und ihre Mutter wurden 1944 in Auschwitz ermordet. Helene Benjamin, die Oma von Jardena und Ruben, starb 1943 in Theresienstadt/Terezin.

Der Unternehmen Benjamin wurde 1818 in Altona gegründet, 1888 hatte es seinen Sitz in Hamburg und war ein reiner Musikverlag. Das Unternehmen wuchs und hatte später seinen Hauptsitz in Leipzig, mit Niederlassungen in Berlin und Hamburg. Mit dem Machtantritt der Nazis ändert sich alles.

Helene Benjamin, geboren am 26. Juni 1875, hatte vier Kinder, die auf unterschiedlichen Wegen vor dem NS-Terror fliehen konnten. Im April 1939 war als letztes ihre Tochter, (Char)Lotte Bergl, nach London geflohen. Vorher hatten bereits Alice und Ilse Kahn sowie Hermann Benjamin (geboren am 10. Dezember 1900 ) Deutschland verlassen. Letzterer war mit Elfriede Cohn verheiratet. Beide hatten zwei Kinder, Jardena, geboren am 27. Mai 1932 in Hamburg und Ruben, geboren am 5. November 1934 in Paris. Hermann Benjamin nahm sich am 24. September 1936 das Leben und seine Familie zog nach seinem Tod wieder nach Hamburg.

1937 verlangten die Nazi vom Unternehmen zu erst die Umwandlung der Anton J. Benjamin Aktiengesellschaft in eine KG. Das Aktienkapital betrug 1,6 Mio. RM. Helene Benjamin als Kommanditistin hielt an der neuen “Anton J. Benjamin KG” 1,5 Mio. Reichsmark (80 Prozent). Persönlich haftender Gesellschafter mit einem Anteil von 20 Prozent wurde deren Vorstand, Richard Schauer, der das Unternehmen operativ bereits vorher geführt hatte und der Neffe von Helene Benjamin war.

Hans Sikorski kaufte im Rahmen der “Arisierung” jüdischen Eigentums am 10. November 1938 die Anton J. Benjamin KG.

Staatsarchiv Hamburg, 351-11_2924

Zum Raubkauf gehörten auch die Verlagsgeschäfte N. Simrock, D. Nather und der City Musikverlag. Der Kaufpreis betrug 450.000 RM. Davon gingen formal 400.000 RM Helene Benjamin. 50.000 RM wurden in Form von Auslandsforderungen auf Umwegen an Richard Schauer gezahlt. Wie das im NS-System üblich war, gab es neben dem fragwürdigen Preis bei der Wertbestimmung des Unternehmens noch eine üble Abschlussklausel, die besagte, dass die Genehmigung “unter der Auflage erteilt (wird), dass ein ein Betrag von RM 120.000 ersatzlos an die Deutsche Golddiskontbank, Berlin, abgeführt wird.”

Staatsarchiv Hamburg, 351-11_2924

Das Grundstück der Familie Benjamin in Hamburg, Alter Wall 44, wurde den Unterlagen nach an die Hammerbrooker Lagerhaus GmbH verkauft. Dr. Hans Sikorski kaufte am 31. März 1939 auch das Hamburger Musikalien-Sortimentsgeschäft im Alten Wall 44 für den Preis von 15.000 RM.

„Verkauft werden die gesamten Warenvorräte einschließlich Ansichts- und Nachnahmesendungen und das gesamte in den Geschäftsräumen Alter Wall und in den Kontorräumen Neuer Wall 44 befindliche Inventar. Der Käufer übernimmt weder die Außenstände noch die Verbindlichkeiten.” Bezüglich der Wertermittlung heißt es in einem Schreiben des “Treuhänders”: “Eine gutachtliche Äußerung über den Wert des Warenlagers lag nicht vor.” “Wenn man berücksichtigt, dass das Lager an antiquarischen Noten bereits seit 1932 dem Publikum zur eigenen Durchsicht zur Verfügung stand, so man kaum annehmen, das noch wertvolle Antiquaratsnoten zu finden waren.” Nach der Abwicklung des Unternehmens am Hamburger Standorts eignet sich die Stadt Hamburg den verbliebenden Überschuss von 4.550,91 RM auch noch rechtswidrig an. Es gibt noch weitere Vorgänge der “Arisierung” des Vermögens der Familie Benjamin in den Akten des Staatsarchiv.

Helenes Ehemann, Josef Benjamin, war am 15. November 1931 in Meran verstorben. Der Nachlass war von ihm an Helene Benjamin und ihren Kindern in einer “fortgesetzter Gütergemeinschaft nach dem Hamburgischen Güterrecht” übertragen worden. Die beiden Testmanentvollstrecher, Dr. Zadik und Dr. Behn, waren verfügungsberechtigt. Um einer “Sicherungsanordnung” durch das NS-Regime zu entgehen, trat sie das Erbes an diese zwei Gesamtgutverwalter ab. Diese erklärten ihrerseits gegenüber dem Hamburger Oberfinanzpräsidenten, dass wenn eine Auflösung der Gesamtgutgemeinschaft eintrete sollte, “insbesondere also wider Erwarten die Gesamtguts-Witwe die Gütergemeinschaft aufheben, so verpflichten sich die unterzeichneten Gesamtverwalter, unverzüglich, nachdem sie davon Kenntnis erhalten haben, die Devisenstelle zu benachrichtigen.” Dies sollte auch im Fall erfolgen, wenn einer von ihnen in ihrer Verwaltereigenschaft ausscheiden sollten. Das führte dazu, dass Helene Benjamin, für jede Ausgabe, die sie aus dem Erbe bestreiten musste, über die beiden Anwälte erfolgte, die sich ihrerseits die Oberfinanzpräsidenten Hamburgs um eine Genehmigung anfragten, selbst wenn es um die Erstellung einer Kopie eines Schlüssel für die Wohnung in Höhe von 2,30 RM ging. Im Januar 1942 kommt es dann doch zur “Sicherungsanordnung”, da einer der Anwälte zur Wehrmacht abkommandiert wurde und Dr. Zadek, der Jude war, nach Guatemala geflohen war.

Mitte März 1942 wurde Helene Benjamin gezwungen, von ihrer Mietwohnung im Böhmersweg 9 in das “Judenhaus” in der Bogenstraße 25 zu ziehen. “Die “Judenhäuser” waren Massen-Unterkünfte in ehemaligen jüdischen Stiften, in denen die Mensche zu unmöglichen Bedingungen bis zu ihrer Deportation leben mussten. 

Am 15. Juli 1942 wurde Helene Benjamin, ihre Schwiegertochter, Elfriede, deren Kinder, Jardena und Ruben nach Theresienstadt/Terezin deportiert.  Jardena und Ruben Benjamin waren bekanntlich zwei der 13  Abgangsschüler/innen der Israelitischen Töchterschule, die im Juli 1942 über die damalige Volksschule Schanzenstraße nach Theresienstadt deportiert wurden. Heute erinnert eine Stolperschwelle vor der Schule an diese 13.

Elfriede Benjamin wohnte 1941 zusammen mit ihrer Mutter (Cohn) und Kindern in der Johnsallee 39. In der Deportationsliste vom 15. Juli 1942 wurde sie nicht mehr mit aufgeführt. In den Unterlagen gab es keine weiteren Angaben, aber ihre Familie sprach von einer Ermordung.

Am 15. Juli 1942 wurden 815 jüdischen Menschen von Hamburg nach Theresienstadt deportiert, 36 von ihnen überlebten.

In einem Schreiben des Oberfinanzpräsidenten vom 12. August 1942 wegen offener Zahlungsregelungen der Familie Benjamin hieß es: “Auf telefonischen Anruft teilte der Jüdischen Religionsverband mit, dass Frau Helene Benjamin am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt/Protektorat abgewandert ist.” Weiter heißt es: “Ihr Vermögen ist durch die Geheime Staatspolizei – Polizeistelle Hamburg – beschlagnahmt worden. Für die Vermögensangelegenheit von Helene Benjamin ist nunmehr der Herr Oberfinanzpräsident Hamburg, Dienststelle für die Verwertung jüdischen Vermögens .. zuständig.”

Helene Benjamin wurde am 18. April 1943 ermordet. Elfriede, Jardena und Ruben Benjamin wurden am 19. Oktober 1944 nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

2002 übernahmen Boosey & Hawkes die Anton J. Benjamin Gesellschaft aus dem Bestand der Sikorski Musikverlage, 2019 die gesamten Sikorski Musikverlage.

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