Ein Stolperstein vor der Sternstraße 123 für Erna Grospitz verlegt

Vor der Sternstraße 123 wurde am 17. Juni 2022 ein Stolperstein für Erna Grospitz verlegt. Diese Messingsteine erinnern an NS-Opfer. Überall bei in Ihrer Nachbarschaft finden sie diese Steine, die Schanzenstraße entlang oder in der Karolinenstraße. Auch vor der Kampstraße 7 liegt ein Stein, für Wilhelm Springer. Es gibt in Hamburg über 6.000 dieser Steine und es werden immer mehr. Es gibt noch viele NS-Opfer, die in Ihrer Nähe lebten, für die bisher noch kein Stein verlegt wurde. Der Sie umgebende Schlachthof kennt viele Geschichten über die Opfer aus der NS-Zeit wie z.B. die von Zwangsarbeitern, den Berufsverbote für jüdische Viehhändlern oder deren Ausschluss aus den Verbänden am Schlachthof.

Wer war Erna Grospitz?

Erna wurden über verschiedene Stationen am 1. August 1943 in eine Wiener „Pflegeanstalt“ verlegt, in der sie am 21. April 1944 „starb“. Faktisch haben die Verantwort- lichen tausende Menschen neben medizinischen Experimenten verhungern lassen. Bei Erna Grospitz, die laut der Diagnose des Stationsarztes an Tbc gestorben sein soll, ergibt das Sektionsprotokoll, dass es sich um einen Abszess nach einer Lungenentzündung gehandelt haben soll. Dem Vaters gegenüber wurde gesagt, sie sei an Lungen- und Rippenfellentzündung gestorben, wobei
der Tod infolge einer Herzschwäche eingetreten sei.

Erna Grospitz war eines der Opfer der Hunderttausenden Krankenmorden in der NS-Zeit. Für die Nazis waren Menschen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, “lebensunwertes Leben”. Erna Grospitz wurde am 4. Juni 1909 in Hamburg geboren. Ihre Eltern wohnten seit 1921 zuerst in der Sternstraße 123, später in der Sternstraße 89 oder 125. Sie lebte dann aufgrund ihrer Beeinträchtigungen seit 1924 in den damaligen Alsterdorfer Anstalten.

Was waren Krankenmorde in der NS-Zeit?

Die damaligen Alsterdorfer Anstalten, heute Evangelische Stiftung Alsterdorf, standen ab 1930 unter der Leitung eines evangelischen Theologen, Friedrich Lensch, einem Nazi, der u.a. Oberscharführer in der SA bereits vor 1933 war. Unter seiner Leitung wandelte sich das Konzept von Pädagogik zumedizinischen Experimenten. Dafür steht auch der Namen eines seit 1931 leitenden Oberarztes der damaligen Alsterdorfer Anstalten, Gerhard Kreyenberg. Er war in der NSDAP und unterwarf zahlreiche Bewohner zwangsweise experimentellen Behandlungen: Röntgenbestrahlungen des Gehirns, Insulin- und Cardiazol-Schockbehandlungen, Dauerbäder, Schlaf- und Fieberkuren. Auch außerhalb der Anstalten unterstützte er die Zwangssterilisation von geistig Behinderten, Obdachlosen, „Zigeunern“, Prostituierten und Homosexuellen.

In Deutschland ermöglichten nach der NS-Machtübernahme etliche Gesetze die Erfassung und Aussonderung erbkranker, körperlich oder geistig behinderter Personen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933 wurde in der Alsterdorfer Anstalt begrüßt und in Form von Massensterilisationen in die Tat umgesetzt. Die meisten Mitarbeiter in der Einrichtung waren in der NSDAP, Mitglieder der SA oder anderer Gliederungen der Partei. Die Anstalten erhielt zahlreiche Auszeichnungen, wurden zum „Nationalsozialistischen Musterbetrieb“ erklärt. Ab 1938 begannen die ersten Deportationen kranker jüdischer Menschen in entfernte „Pflegeheime“, wo sie ermordet wurden. Ab 1940 wurden die NS-Vernichtungsaktionen ausgeweitet und es begannen die systematischen Krankenmorde. Aus den Alsterdorfer Anstalten wurden in den Jahren 1938 bis 1945 630 Kinder und Erwachsene mit Behinderung abtransportiert. 513 von ihnen wurden ermordet. Erna Grospitz war eine von ihnen. Ab 1943 startete die sogenannten „Aktion Brandt”. In Deutschland wurden die Heil- und Pflegeanstalten geräumt und die Patienten in besondere Anstalten konzentriert, wo sie gezielt mit überdosierten Medikamenten oder durch Unterernährung getötet wurden. Zehntausende wurde vergast. Insgesamt sollen 300 000 nichtjüdische und jüdische Patienten aus Deutschland getötet worden sein.

Erinnern heißt, das Geschehen in der NS-Zeit nicht zu vergessen

Um Sie herum, in einem Umkreis von 200 bis 500 Meter gibt es hunderte Geschichten über NS-Opfer. Die Stolpersteine erinnern auf den Gehwegen an diese Zeit des Terrors. Sie erinnern an Opfer wie Erna Grospitz, die nicht das einzige “Euthanasie”-Opfer in diesen Straßenzügen ist. Sie finden Steine für ermordete KPD- und SPD- Mitglieder vor der Kampstraße 7 oder der Bartelsstraße 53. Es sind vor allem jüdische Opfer, aber auch Mitglieder Hamburger Logen oder Freidenker. Außerdem gab es in Ihrer Nachbarschaft NS-Zwangsarbeitslager oder Unternehmen, in denen sie arbeiten mussten. Am 15. und 19. Juli 1942 wurden über die Schule Schanzenstraße über tausend jüdische Menschen aus den umliegenden Häusern nach Theresienstadt/Terezin in der CSR deportiert. Nur wenige überlebten.

Am Freitag, den 15. Juli 2022 findet aus Anlass des 80. Jahrestag der Juli-Deportationen jüdischer Menschen um 18 Uhr auf dem Schulhof der Ganztagsgrundschule Sternschanze, gegenüber dem Bahnhof Sternschanze, eine Kundgebung statt. Es soll an das Geschehene erinnert werden. Auch sollen am Abend die Namen der insgesamt 1.700 Menschen, die an diesem Tag von Hamburg verschleppt wurden, vor dem Haupteingang der Schule im Anschluss an die Kundgebung angebracht werden.

Mehr über diese Kundgebung, die NS-Geschichte bei uns um Viertel erfahren Sie auch auf der Web-Seite www.sternschanze1942.de

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