Bis zum 6. Dezember 1941 lebte Helene Kohn mit ihrem Sohn Berthold im III. Stock in der Klosterallee 5. Ihr zweiter Sohn, Walter, war 1939 nach England geflohen. Die Familie lebte seit 1935 in dem Haus. Weder den Straßenzug noch das Haus gibt es heute nicht mehr. Auf der Klosterallee befinden sich heute Teile der Grindelhochhäuser. Die Hausnummer 5a oder b dürfte der Lage am nächsten kommen.


Helene und Berthold wurden am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Ihre Wohnung musste sie verlassen und den Schlüssel der Polizei übergeben. Während Berthold Kohn zu den wenigen Überlebenden dieser Deportation gehörte, kam seine Mutter ums Leben.
Wer waren Helene und Berthold Kohn?
Er wurde am 12. Juli 1912 in Hamburg geboren. Sein Bruder Walter kam am 13. Dezember 1913, ebenfalls in Hamburg zur Welt. Ihre Eltern waren Helene Aschenbrandt (geb. 1888) und Eugen (geb. 1883) Kohn. Helene hatte die tschechische Staatsbürgerschaft wie auch ihre Kinder. 1910 hatte Eugen eine Tischlerei in der Bornstraße 5 aufgebaut. Die Familie wohnte bis zu seinem Tod 1934 im Grindelviertel (Bornstraße 10, Heinrich-Barth-Straße 17 und Bornstraße 5), danach zog Helene mit ihren beiden Kindern in die Klosterallee 5, im 3. Stock, und baute sich in der 7 1/2 Zimmerwohnung eine Pension auf.
Berthold Kohn hatte nach Abschluss der Talmud Tora Realschule (1927) eine kaufmännische Lehre beim Unternehmen Meyer Salomon in der Hamburger Altstadt (1927-1929) begonnen. Danach arbeitete er in der Firma Haberer in Hamburg (1929-1930). “Danach trat ich als Angestellter in die Holsatia Werke, Altona Bahrenfeld, ein (1930 – 1931). Dort übernahm ich die Fakturierung der gesamten hinausgehenden Produktion. Es war eine Möbelfabrik mit ca. 1000 Mann und hauptsächlich produzierte man Schlafzimmer. Nach ca. 1½ Jahren … wurde ich mit vielen anderen entlassen… Nach einer Zeit von Arbeitslosigkeit trat ich bei meinem Vater ins Geschäft” und begann eine Tischlerlehre.
Geschäftsführer der Tischlerei
Nach dem Tod seines Vaters 1934 stieg er in die Leitung des Geschäfts ein. Seit dem 1. Dezember 1935 war er bis zur erzwungenen Schließung Ende November 1938 deren Geschäftsführer. Die Tischlerei war zwischenzeitlich von der Bornstraße 5 in die Bismarckstraße 84 verlegt worden. In dieser Zeit (1937/1938) verantwortete er auch die Tischlerarbeiten für die Neueinrichtung des Jüdischen Gemeinschaftshauses (heute Hamburger Kammerspiele). Das Gebäude wurde am 9. Januar 1938 eingeweiht. Es befand sich im Stadtteil Rotherbaum, in der Hartungstraße 9/11 und diente als Treffpunkt für alle noch in Hamburg lebenden Juden.

Flucht nach England 1939 und zurück nach Deutschland
Berthold Kohn war 1939 arbeitslos. Mit seinem Bruder, Walter, floh er 1939 nach England, kam aber später wieder zu seiner Mutter nach Hamburg zurück. Im Februar 1940 war in die CSR gezogen. In Schniebinchen bei Sorau/ Sommerfeld in der Niederlausitz arbeitete er vermutlich als Ausbildungsleiter einer jüdischen Werkschule (Haschara). Es handelte sich um eine selbstorganisierte Ausbildung für junge Jüdinnen und Juden, um ihnen für eine spätere Auswanderung nach Palästina die handwerklichen Fähigkeiten zu vermitteln. Als im Juli 1941 die Auflösung aller Hachschara-Lager in Deutschland angeordnet wurde, bedeutete es für Berthold Kohn, dass er als Zwangsarbeiter für Bauunternehmen in Sorau eingesetzt wurde. Von dort floh er Ende 1941 nach Hamburg zu seiner Mutter, die am 1. Dezember 1941 den Deportationsbefehl bekommen hatte.
Am 6. Dezember 1941 von Hamburg ins Lager Jungfernhof bei Riga deportiert

Am 6. Dezember 1941 wurden Helene und Berthold Kohn nach Riga deportiert. Am 9. Dezember 1941 kamen die Deportierten aus Hamburg am Rigaer Rangierbahnhof Skirotawa an und mussten zu Fuß ins 1,5 km entfernte Lager Jungfernhof gehen, ein provisorisch hergerichtetes Lager. Das in der Stadt Riga bestehende Getto war zu diesem Zeitpunkt nicht für „Reichsjuden“ vor- gesehen. Bernhard Kohn wurde wegen seiner Ausbildung für die Tischlerei im Getto Jungfernhof verantwortlich gemacht.
Lebensorte von Helene und Berthold Kohn von 1942 bis 1945

Die beiden lebten später im Getto von Riga, kamen ins KZ Riga und wurden später in wechselnde KZ-Außenlager verschleppt. Hintergrund war das Vorrücken der Roten Armee. „Die ganze Zeit war ich mit meiner Mutter zusammen. Im September 1944 wurden wir getrennt.“ Die SS entschied damals, dass die als nichtarbeitsfähig angesehenen Menschen ins KZ Stutthot (Gdansk) verlegt werden sollten. Helene Kohn starb dort am 1. Januar 1945. Die als arbeitsfähig angesehenen Häftlinge des KZ Außenlager ( Mühlgraben) wurden Anfang Oktober 1944 in ein Lager in Libau (Liepaja) verlegt.
Seit Februar 1945 im KZ Fuhlsbüttel

Am 19. Februar 1945 verließen die Häftlinge Libau per Schiff in Richtung Deutschland (ursprünglich nach Lübeck, wegen Bombenangriffen umgeleitet nach Hamburg). Nach Ankunft am 27. Februar 1945 im Hamburger Hafen wurden sie von der Gestapo ins Gefängnis/KZ Hamburg-Fuhlsbüttel gebracht. Im April 1945 gab es den Befehl der SS, alle KZ-Lager in Hamburg zu räumen. Vom 12. bis 15. April des Jahres 1945 wurden etwa 800 Menschen gezwungen, aus dem Konzentrationslager Hamburg-Fuhlsbüttel in das „Arbeitserziehungslager Nordmark“ in Kiel-Hassee zu gehen, dazu gehörte auch Berthold Kohn.
Befreiung im Mai 1945 in Kiel

Eine Gruppe von 160 jüdischen Überlebenden konnte am 1. Mai im Rahmen einer Rettungsaktion nach Schweden gebracht werden, die übrigen wurden von der britischen Armee am 4. Mai befreit. Berthold Kohn kam wegen einer brutalen Misshandlung im KZ nach Lund ins Krankenhaus. 1946 erfolgte eine weitere OP in einer englischen Spezialklinik.
Für Helene Kohn liegt seit 2005 ein Stolperstein in der Klosterallee. Berthold Kohn starb am 13. August 1997 in Stockholm.