Es geht um ein Stück Geschichte aus unserer Nachbarschaft, die man meistens nicht im Blick hat. Konkret geht es um zwei Nachbarinnen aus der NS-Zeit, die in der Vereinsstraße 40a lebten: Bianka Leser und ihre Tochter Lucie. Sie wurden von hier am 6. Dezember 1941 über Hamburg nach Riga deportiert und dort ermordet, weil sie Jüdinnen waren. An diese Menschen vom 6. Dezember soll mit einer Kundgebung am 8. Dezember 2025 um 17 Uhr an der Ecke Schanzenstraße/Lagerstraße hinter dem Sternschanzen-Bahnhof erinnert werden.
Wer waren Bianka und Lucie Leser?
Bianka Jessel wurde am 30. Mai 1866 in Stettin/Szczecin geboren. Dort lebte sie mit ihren Eltern, Cäcilie und Moritz sowie ihren zwei Schwestern, Grete (geb. 1867) und Leonore (geb. 1870). Die Stadt gehörte seit dem 18. Jahrhundert zu Preußen (vorher zu Schweden). 1886 heiratete sie Michael Leser, einen Hamburger, der aber in Szczecin wohnte. Seit 1920 lebte sie in der Brunnenhofstraße 25 in Altona, das damals ebenfalls zu Preußen gehörte. Im Adressbuch wurde “Witwe” vermerkt und dass sie einen Zigarrenversand betrieb. Wann Michael Leser starb, wissen wir im Moment nicht. Die beiden hatten eine Tochter, Lucie, die am 9. Januar 1891 in Szczecin geboren wurde. Den Unterlagen haben wir entnommen, dass für seit 1924 eine so genannter Pfleger gestellt wurde, da sie geistig beeinträchtigt war. Er sollte ihre rechtlichen Interessen wahren, war aber nicht ihr Vormund, sondern war für einen festgelegten Zeitraum in Vermögensfragen für sie verantwortlich, das weder sie noch ihre Mutter hatten.

Lucie lebte weiter bei ihrer Mutter. Von 1928 bis 1938 lebten sie im “Leja-Stift” in der damaligen Großen Bergstraße 120 (heute Thadenstraße). Der Leja-Stift war von seinem Gründer, Benjamin Leja, insbesondere für Frauen im höheren Alter und mittellos geschaffen worden, so dass sie geschützt leben konnten. Das Wohnen in einem jüdischen Stift bedeutete “mietfrei”, lediglich Betriebskosten in einem für uns nicht vorstellbaren niedrigen Maße fielen an (den Stift gibt es bis heute).

Im März 1938 zog Bianka mit ihrer Tochter in die Vereinsstraße 40a. Hintergrund war, dass der Leja-Stift “arisiert” wurde, sprich die jüdische Verwaltung vertrieben und den jüdischen Bewohnerinnen gekündigt wurde. Die beiden wohnten im 1. Erdgeschoss bei Sara Cohn. Deren Sohn, Waldemar, war bereits am 8. November 1941 nach Minsk deportiert und dort ermordet. Sara Cohn wurde am 24. März 1943 nach Theresienstadt/Terezin deportiert, wo sie am 26. Oktober 1943 ums Leben kam.
Was passierte am 6. Dezember 1941?
Von Mai 1940 bis März 1945 wurden über 8.000 jüdische Menschen sowie Sinti und Roma und in den Osten deportiert.. Die NS-Führung hatte 1941 die Vernichtung aller 10 Millionen Jüdinnen und Juden in Europa zum Ziel erklärt (Wannsee-Konferenz). Am 6. Dezember 1941 wurden 753 jüdische Menschen, die in Hamburg lebten, nach Riga in Belorussland verschleppt. Zu ihnen gehörten auch Bianka und Lucie Leser.
Ein Teil der Menschen soll über den Schlachthof (Veterinärstation/ Viehbahnhof Sternschanze) verschleppt worden sein. Ob die beiden dazu gehörten, konnte ich nicht klären. Insgesamt wurden 34 Menschen aus den Wohngebieten um den Sternschanzen-Bahnhof am 6. Dezember 1941 deportiert. Da das Getto in Riga bereits mit lettischen Juden überfüllt war, schuf die SS mit einer Mordaktion „Platz“ für die Neuankommenden. Deshalb wurde der Hamburger Transport während der Fahrt in das nahe bei Riga gelegene, heruntergekommene „Gut Jungfernhof“ umgeleitet, wo sie im strengen Winter in provisorisch eingerichteten Scheunen und Viehstellen untergebracht wurden. Einige starben bereits vor ihrer Ankunft in den ungeheizten Güterwaggons, fast alle, die den Winter überlebt hatten, wurden im März 1942 in einem Wald bei Riga erschossen. Die Todestage von Bianka und Lucie sind nicht bekannt. Die beiden Schwestern von Bianka, Grete und Leonore, wurden 1942 in Lodz ermordet.
Warum schreiben wir Ihnen wegen einer „alten Geschichte“?
Einmal möchte ich Sie über Ihre damaligen Nachbarn informieren, die Opfer der rassistischen und antisemitischen Ideologie des NS-Systems wurden. Wir tragen als Nachgeborene keine Schuld für die NS-Verbrechen noch für das Verhalten der Menschen, die damals mit den Nazis zu brüllen. Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass wir eine Verantwortung haben, das Geschehene nicht zu vergessen. Heute treten rechte Kräfte mit Verschwörungserzählungen auf, reden von „Machteliten“ und „Sprachverboten“, vertreten völkische Sichtweisen und stigmatisieren Minderheiten. Ohne das Schlimme in der NS-Zeit zu relativieren, aber die Nazis traten in der Weimarer Republik zuerst ähnlich auf. Unsere Demokratie gilt es heute aktiv gegen alle Angriffe von rechts zu verteidigen.
Was wollen wir von Ihnen?
Wir möchten Sie mit diesem Schreiben über Nachbarn:innen informieren, die einst in der Vereinsstraße 40 wohnten. Am 8. Dezember 2025 findet um 17 Uhr an der Ecke Schanzenstraße/ Lagerstraße eine Kundgebung statt, um an die Menschen zu erinnern, die aus unseren Stadtteilen um den Sternschanzen-Bahnhof am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert wurden. Vielleicht sehen wir uns an diesem Tag?