Seit 2019 findet jedes Jahr eine Kundgebung an der Ganztagsgrundschule Sternschanze (ehemals Schule Schanzenstraße) statt – anlässlich der Deportation von über 1.500 jüdischen Menschen am 15. und 19. Juli 1942 über genau diese Schule. Es geht darum, an die Verschleppten zu erinnern. Die Botschaft ist klar: Wir dürfen nicht vergessen, was damals in unserer unmittelbaren Nachbarschaft geschah. Nur wenige von ihnen überlebten den NS-Terror.
Aktuell weisen Plakate und Flugblätter auf die diesjährige Kundgebung am 15. Juli 2025 hin. Leider ist es in diesem Jahr zum ersten Mal so, dass die Plakate an der Ecke Weidenallee/Agathenstraße seit einiger Zeit täglich abgerissen werden. Als Nachbar aus der Agathenstraße schreibe ich Ihnen heute.

Aus meiner Sicht tragen wir eine Verantwortung: Die NS-Verbrechen dürfen sich niemals wiederholen – und es darf kein Vergessen geben. Antisemitismus, Rassismus sowie Hass und Hetze gegen Sinti und Roma müssen auch heute entschieden bekämpft werden. Die Welt hat die katastrophalen Folgen dieser Ideologien erlebt. Das aktuelle Gerede von „Remigration“ – ein Begriff der heutigen Nazis, übernommen und angepasst von der AfD – verfolgt völkische und rassistische Ziele. Auf jeder Meldekarte der 1942 über die Schule Deportierten stand „Abwanderung“. Mit dem Überschreiten der tschechischen Grenze, auf dem Weg nach Theresienstadt (Terezín) bei Prag, wurde ihnen die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Vermutlich in der Turnhalle der Schule wurde ihnen, bis auf wenige Habseligkeiten, alles Eigentum geraubt.

Ich habe in der Vergangenheit immer wieder Einzelpersonen erlebt, die ihre antisemitische Haltung offen gegenüber Gedenkaktivitäten in unserem Viertel gezeigt haben: Ein mir bekannter Nachbar spuckte letztes Jahr bei der Verlegung zweier Stolpersteine vor der Weidenallee 4 – für Helene und Salomon Finkels – gezielt auf die Steine.

Ein anderer fragte mich beim Putzen der Stolpersteine am Kleinen Schäferkamp 32, ob ich „die Steine für die Siedler im Westjordanland“ blank polieren wolle. Ich habe das scharf zurückgewiesen. Diese Person ist mir als AfD-Anhänger bekannt.
Im Schanzenviertel reißt eine Frau regelmäßig Plakate ab, wenn es um jüdische Themen geht. Sie verbreitet üble Verschwörungserzählungen. Im vergangenen Jahr hatte ich mich für das Gedenken an eine ermordete Sinti-Familie aus der Vereinsstraße (später Thadenstraße) engagiert, deren Kind die Schule Schanzenstraße besucht hatte. Ein mir unbekannter Nachbar riss entlang der gesamten Thadenstraße immer wieder die Plakate zur Kundgebung ab.

Quantitativ sind das nur einzelne Personen – aber es schmerzt sehr, dass es Menschen gibt, die die Erinnerung an die Verfolgten und Ermordeten der NS-Zeit auslöschen wollen. Die politischen Vertreter dieser Haltung sind uns allen bekannt. Sie erfinden Begriffe wie „Schuldkultur“, nur um dann lautstark deren „Beendigung“ zu fordern. Das Abreißen der Plakate ist lächerlich – es ändert nichts an der Kundgebung und deren Bewerbung. Die Plakate werden wieder aufgehängt.
In diesem Jahr organisieren wir keine eigene Kundgebung, sondern rufen dazu auf, sich an dem Projekt der Ganztagsgrundschule Sternschanze zu beteiligen: am 15. Juli 2025 um 9:30 Uhr an der Namenstafel für die Deportierten in der Altonaer Straße 38. Die Schülerinnen und Schüler werden an 13 junge Menschen erinnern, die am 19. Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße nach Terezín verschleppt wurden. Bis zur Schließung der Israelitischen Töchterschule am 30. Juni 1942 gingen sie im Karolinenviertel zur Schule.

Am Eingang der heutigen Ganztagsgrundschule Sternschanze – auf Höhe der Schanzenstraße – erinnert eine Stolperschwelle an diese 13. Sie alle lebten ganz in der Nähe: im Laufgraben, der Kielortallee oder der Bogenstraße. Unter ihnen waren vier Jugendliche, die im Hinterhof der Weidenallee 10 bc in der jüdischen Werkschule den Beruf des Schlossers erlernten. Ihren Berufsschultag verbrachten sie damals in der Töchterschule.

Wie in den vergangenen Jahren haben wir Angehörige eingeladen, deren Eltern oder (Ur-)Großeltern am 15. oder 19. Juli 1942 über die Schule deportiert wurden. In diesem Jahr wird jemand über Hedwig und Walter Bismarck Alexander sprechen, die am 19. Juli 1942 deportiert wurden.
Ein weiterer Aspekt, den wir in diesem Jahr betonen wollen: In der damaligen Volksschule Schanzenstraße befand sich im dritten Stock auch eine sogenannte Sprachheilschule. Unter ihren Schülerinnen und Schülern gab es ebenfalls Opfer des NS-Systems. Aus Sicht der Nationalsozialisten „schädigten“ ihre Behinderungen „das deutsche Volk“, „seinem Blut“ und damit dessen „besonderen Eigenschaften“. Deshalb wurden sie zwangssterilisiert. Ob unter ihnen auch Ermordete waren, weiß ich bislang nicht.
Ich empfinde es als feige, still und heimlich Plakate abzureißen. Wer das tut, will nicht an die Verfolgten und Ermordeten der NS-Zeit erinnern – sondern deren Geschichte auslöschen.
Gruß
Holger Artus