Hindelchen, Elias und Josef Karp

An Hindelchen (Henny), Josef und Elias Karp erinnern drei Stolpersteine auf Höhe der Großen Bergstraße 250. Die damaligen Häuser an gleicher Stelle gibt es nicht mehr.  Heute steht hier ein Neubau, davor liegen die Steine für die drei. 

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Hindelchen Karp wohnte seit dem 23. Mai 1932 bis 19. März 1939 in einer Freiwohnung des Leja-Stifts. Es war ein langgezogenes Gebäude mit Wohnungen im Parterre und im 1. Stock. Henny, so lautete ihr Rufname. Sie hatte eine 2-Zimmer-Wohnung, mit einem Wohn- und Schlafzimmer im Haus 6. 

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Unter dieser Adresse befand sich seit 1869 ein paritätischer Wohnstift für allem für ältere Frauen jüdischer oder christlicher Konfession. Benjamin Leja hatte den Stift damals gegründet.Die Leja-Stiftung besaß neben dem Gebäude in der Großen Bergstraße noch weitere Stift-Freiwohnungen in der Thadenstraße 120-128 (damals Große Gärtnerstraße), die 1884 erbaut wurden. Unter dieser Adresse Große Bergstraße waren es 43 Freiwohnungen, in denen 70 Menschen wohnten – in der Thadenstraße waren es ebenfalls 43 Wohnungen. Die Häuser der Leja-Stiftung in der Thadenstraße 120-128 gibt es noch heute, allerdings nicht mehr als Freiwohnungen und nicht mehr konfessionell ausgerichtet.

Der Stift in der Großen Bergstraße 250 wurde zu großen Teilen im Juli 1943 zerstört, nach 1945 wiederhergestellt, aber später komplett abgerissen. 

Jüdische Wohnstifte, das bedeutete Freiwohnungen für bedürftige Menschen. An Kosten fielen lediglich die des Unterhalts der Einrichtung an, heute würde man von den Betriebskosten sprechen, die aber nicht mehr mit den heutigen zu vergleichen sind. Es handelte sich um Kleinstbeträge der Verwaltung. 

Geboren wurde Hindelchen Simon am 1. Juni 1873 in Friedrichstadt, einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, zwischen St. Peter-Ording und Husum. Ihre Eltern waren Sara und Simon Levy Simon. Sie wohnte mit ihren Eltern und drei Geschwistern, Clara (geb.1877), Israel (1879) und Regina (1881) bis zum 18. Lebensjahr in Friedrichstadt. Ihr Vater hatte zuletzt in Friedrichstadt ein Herrenmodegeschäft in der dortigen Prinzenstraße. 1889 zog die Familie erst nach Burg/Dithmarschen, dann vermutlich nach Husum und später nach Hamburg.

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Blick in die Kirchenstraße

Hindelchen Simon heiratete 1907 Samuel Leip Karp, der am 23. November 1876 im heutigen polnischen Galicja/Grodek geboren wurde. Der in Galizien liegende Ort gehörte zu der Zeit noch zum österreichischen Kaiserreich. Sigmund, wie er gerufen wurde, war von Beruf Fischhändler. Im Harburger Adressbuch von 1908 wurde bei ihm der Zusatz  „Hafenfabrik“ aufgeführt. Am 6. Dezember 1907 wurde Eisig Eduard hier geboren. Die Stadt Harburg gehörte seinerzeit noch nicht zu Hamburg. Die drei wohnten in der Feldstraße 19/20. 1909 zogen sie von Harburg in die Kirchenstraße 11 nach Altona, nahe dem Hamburger Fischmarkt. 

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Der Blick von Breite Straße auf die
Kirchenstraße nach 1945. Dahinter
der leere Platz war die
Lage der Kleinen Papagoyenstraße

Ihr Sohn Elias wurde im selben Jahr am 19. September geboren. Ihr jüngster Sohn, Josef, wurde am 28. November 1912 geboren. Ab  dem 26. Juni 1918 lebte die Familie in der Kleinen Papagoyenstraße 3, in Altona. Sie lag an der Ecke Kirchenstraße/Breite Straße – in unmittelbarer Nähe zum Fischmarkt. Die Kleine Papagoyenstraße gibt es heute nicht mehr, hier befinde sich jetzt der Kapitän Schröder Park.

1927 starb Sigmund Karp. Hindelchen organisierte ihr Leben und das mit ihren Kindern. Ihr Sohn, Eduard, schrieb später, dass sie in der Kleinen Papagoyenstraße 3 eine 5-Zimmer-Wohnung hatten und dass seine Mutter fast alles untervermieten musste, um den  Lebensunterhalt gewährleisten zu können. 

Aus den Unterlagen im Staatsarchiv ergibt sich, dass Eduard ab September 1927 nicht mehr in der Kleinen Papagoyenstraße 3, sondern zur Untermiete in der Paulinenstraße 30 wohnte. Elias verließ das Elternhaus im November 1928 und zog nach Leipzig. Ihr jüngster Sohn, Josef, lebte bis 1931 in der Kleinen Papagoyenstraße 3, dann zog er 1932 nach Rendsburg, in die Ritterstraße, in ein Wohnheim. 

In der Papagoyenstraße 5-9, direkt neben der Wohnung der Karps, war die Synagoge der Hochdeutschen Israeliten-Gemeinde, der “Altonaer Synode”, die sie seit 1862 als Gotteshaus betrieb.

Hindelchen Karp betrieb ab 1928 ein jüdisches Speisehaus, in dem sie Mittagessen anbot und vermutlich führte sie bis vermutlich 1936 ein koscheres Konservendepot. Sie war Mitglied in einem der größten Hamburger Vereine, dem „Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser“. Für jüdische Reisende, Hotelgäste und jüdische Gemeindemitglieder wurden nach den jüdischen Speisegesetze die Lebensmittel angeboten. Der Verein organisierte dieses Angebot deutschlandweit und war international aufgestellt. 

Elias Karp wurde Arzt und gehörte zu den deutschen Freiheitskämpfer, die nach dem Putsch der demokratischen gewählten spanischen Regierung durch den Faschisten Franco, von 1937-1939 in den Internationalen Brigaden kämpfte, um die spanische Republik zu verteidigen. Er war Major-Chefarzt. Ohne die militärische Unterstützung Nazi-Deutschlands mit mehr als 10.000 Soldaten der deutschen Wehrmacht hätte Franco den Kampf nicht gewinnen können. Er zog 1933/34 nach Offenbach und Gießen, wo er festgenommen und aus Deutschland ausgewiesen wurde. Aus den Unterlagen geht noch hervor, dass er im KZ Esterwegen für 18 Monate inhaftiert und misshandelt wurde.

Im August 1937 kam er nach Spanien zum Sanitätsdienst in dss XI. IB, dass Hans-Beimler-Bataillion und wurde dort Bataillons-Arzt. Er wurde verhaftet, der spanischen Polizei übergeben und 1939 aus Spanien nach Frankreich ausgewiesen. Dort wurde er in einem Internierungslager festgehalten. Elias Karp war leitender Arzt des Lagers Montauban, das 1940 geschlossen geschlossen wurde.

Ab Januar 1941 wurden die spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge, aber auch Roma und Sinti aus dem Elsass sowie Juden ins Lager Riversaltes durch das Vichy-Regime verlagert. Der wohl dunkelste Abschnitt der Lagergeschichte begann im August 1942 mit der Bestimmung zum Hauptsammellager für die aus Deutschland deportierten und in Frankreich gefangen genommenen Juden in der „freien Zone“ unter dem Vichy-Regime/deutschen Besatzung. Bis November 1942 wurden ca. 2.300 von ihnen aus Rivesaltes über das Sammellager Drancy (bei Paris) ins NS-Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Elias Karp war einer der jüdischen Menschen, am 20. Oktober 1942 nach Auschwitz verschleppt und ermordet wurde. Ende der 1950er Jahre wurde der 31. Dezember 1942 als Todestag festgelegt. 

Josef Karp Schicksal konnte bisher nicht sicher geklärt werden. Er wurde Ende der 1950er Jahre vom Amtsgericht Rendsburg für tot erklärt. Sein Bruder Eduard schreibt, “Josef seit etwa 1935/36 nicht mehr gesehen zu haben. Irgendwann in den Jahren 1935/1936 hatte ihm seine … Mutter berichtet, dass sie den Besuch eines jungen Mannes gehabt habe, der ihr erklärte, im KZ Dachau ihren Sohn Josef gesehen“ hätte.

Eduard Karp, der älteste Sohn von Hindelchen, überlebte den Holocaust. Seinen Bemühungen nach 1945 ist es zu verdanken, dass man mehr über Hindelchen und deren Kinder erfahren konnte. Aufgewachsen in der Weimarer Republik, war er immer wieder von den Folgen der hohen Arbeitslosigkeit betroffen. Perioden der Beschäftigung folgte Arbeitslosigkeit. Er fand immer wieder Beschäftigung als Reisender und versuchte sich als Makler. 1927 lernte er Helene Pusch kennen, eine ehemalige Mieterin von Hindelchen Karp in der Kleinen Papgoyenstraße 3. Sie arbeitete als Krankenschwester im Staatskrankenhaus Friedrichsberg (heute Schön Kliniken). Am 20. Februar 1932 wurde ihre Tochter Regina Gertrud geboren. Die beiden wohnten zusammen mit der Mutter von Helene Puschs in Uhlenhorst, der Reuterstraße 5 (heute Stolbergstraße) im Ergeschoss.

Das Paar trennte sich endgültig 1935 und ging unterschiedliche Wege. Nach den Novemberpogromen 1938 floh Eduard endgültig . Er war in Nazi-Deutschland zwei Wochen im KZ Dachau inhaftiert worden. Die genauen Umstände sind zurzeit nicht geklärt. Er sprach 1939 davon „dass niemand, der nicht selbst es am eigenen Körper erlebt hat, sich keine davon machen kann“, wir furchtbar es für ihn war. Seine Flucht führte in nach Dänemark. Er lebte mit anderen jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland in Kopenhagen, Das skandinavische Land war sehr restriktiv gegen die Geflüchteten. 1940 lebten gerade einmal 1.550 von ihnen in Dänemark. In den anderen Zufluchtländern wie Belgien oder den Niederlanden waren es zehntausende. Durch die dänische Politik war es vor allem das Transitland nach Schweden oder Norwegen. Nach der Besetzung Dänemark ab April 1940 durch die deutsche Wehrmacht, der Kollaboration der Regierung und des Königshauses mit den Nazis 1940, wurde die Lage für die jüdischen Menschen immer schlechter. Laufend wurden ab 1942 jüdische Menschen in Dänemark verhaftet und nach Deutschland, dem Land, aus dem sie geflohen waren, verschleppt. Von hier wurden sie in die Vernichtungslager deportiert und ermordet. Nach der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 ging es den Nazis um die „Befreiung Europas von allen Juden“, ihre systematische und millionenhafte Vernichtung. Eduard Karp gehörte zu denen von Dänemark nach Schweden geflüchteten Juden im Oktober 1943. Hier überlebte er. Nach der Befreiung Europas vom Faschismus zog er wieder nach Dänemark zurück und gründete eine neue Familie.

Seine Enkelin, Marlies Schmidt, erinnert sich an ihn, wenn er sie in den Niederlanden besuchte: „In meiner Erinnerung war mein Opa ein reicher Mann. Er brachte immer viel zu essen und trinken mit, hatte für uns alle Geschenke bei sich. Irma, seine Freundin, hat er später geheiratet“. 1970 kam es zur Trennung des Paares und Eduard Karp zog nach Israel, wo er Ende der 1980er Jahre in Tel Alviv starb.

Die drei Personen sind von meiner Mutter Ingrid (links), Opa Eduard und seine Frau Irma“ schrieb die Angehörige Marlies Schmidt zu diesem Bild.

Hindelchen Karps Schwester, Clara Jaffe (geborene Simon), wurde am 6. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Sie wohnte zum Zeitpunkt der Deportation in der Brahmsstraße 14 in  Hamburg-Rotherbaum. Der Bruder von Hindelchen, Israel Simon, starb am 25. März 1937 in Leipzig, wie es aus einer Bescheinigung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig hervorging. Auf ihr ist vermerkt, dass er verheiratet war. Über ihre Schwester, Regina, konnte zur Zeit nichts in Erfahrung gebracht werden.

Zum 20. März 1939 musste Hindelchen Karp ihre Wohnung in der Großen Bergstraße 250 verlassen und in das Martin-Brunn-Stift in der Frickestraße 24 ziehen. Es war ein jüdisches Stift und gehörte der Vaterstädtischen Stiftung, die damals 13 Stift-Häuser besaß. Ab 1938 gingen die Nazis zum systematischen Raub jüdischen Eigentums über. Sie mussten ihr Unternehmen und ihre Immobilien “verkaufen”. Das betraf auch die jüdischen Stifte. Die Vaterstädtische Stiftung wurde ab 1938 „arisiert“. Alle in den Wohnungen der Stiftung lebenden jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner mussten in drei Standorte ziehen. Auch die paritätischen Stiften in Hamburg, in den Menschen jüdischen und christlichen Konfessionen wohnten, wie die Warburg-Stiftung und die Leja-Stiftung, in der auch Hindelchen Karp lebte, waren von der “Arisierung” betroffen. Sie musste in die Frickestraße 24 (Eppendorf) ziehen. Andere in den Warburg-Stift (Grundelviertel), in der Bundesstraße 43 oder den Mendelssohn-Israel-Stift im Kurzen Kamp 6 (Fuhlsbüttel). 

Die Menschen besaßen beim Zwangsumzug  in diese Wohnungen nur noch einen Rest ihres privaten Besitzes und mussten in drangvoller Enge hausen, was eine zusätzliche Belastung zu allen übrigen Schikanen darstellte. Nachdem ihre Verdrängung und Beraubung im Wirtschafts- und Berufsleben abgeschlossen war, war somit der Wohnraum zum Ziel der staatlichen Raubzugspolitik gegenüber den Jüdinnen und Juden geworden.

Wie schwer sich das Nachkriegsdeutschland nach 1945 mit den Folgen der Vertreibung der jüdischen Menschen aus ihren Wohnungen tat, erlebte Eduard Karp, als es ihm um die finanzielle Erstattung des Haushalt seiner Mutter aus der Großen Bergstraße 250 ging: Die Hamburger Sozialbehörde weigerte sich, ihren Haushalt durch den erzwungenen Einzug in die Frickestraße 24 von einer 2-Zimmer Wohnung in eine 1-Zimmer-Wohnung, in der sie auch nicht alleine leben musste, zu bezahlen. Es bedurfte zwei Instanzen, um eine kleine Pauschale zu erhalten. Das Argument der Hamburger Sozialbehörde: Der Umzug war keine verfolgungsbedingte Maßnahmen.

Zum 20. März 1942 musste Hindelchen Karp in das so genannten Judenhaus, in der Bogenstraße 25/27 ziehen, dem Z.H. May und Frau Stift. Anfang März 1942 gab es die Anweisung der Gestapo, die jüdischen Menschen auf einige ausgewählte Anzahl von „Judenhäuser“ zu konzentrieren, um über sie die  Verschleppung zu organisieren. Am 14. Juli 1942 wurde Hindelchen wie alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner aus der Bogenstraße 25/27 in Schule Schanzenstraße am Bahnhof Sternschanze gebracht und am 15. Juli 1942 nach Theresienstadt/Terezin in der CSR deportiert. Wann sie in Theresienstadt ermordet wurde, konnte nicht festgestellt werden. Als Todestag wurde auf Grund einer Aussage eines damaligen Mit-Insasssen aus dem Ghetto das Frühjahr 1944 in den 1950er Jahren bestimmt.

Heute finden Sie an der Schule am Eingang auf Höhe der Altonaer Straße 38 eine Namenstafel mit den über den 1.700 Namen der Deportierten über diese Sammelstelle. Auf der Tafel finden Sie unter dem 15. Juli 1942 auch den Namen von Hindelchen Karp.

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