Vor der Reventlouallee 3 liegt ein Stolperstein für Selma Maschke. Sie wurde am 19. Juli 1942 von Kiel nach Hamburg und über den damals noch existierenden „Hannoverschen Bahnhof“ (heute HafenCity) gemeinsam mit ihrer Schwester, Anna, nach Theresienstadt deportiert.
Aus Kiel wurden damals neun Personen nach Hamburg gebracht. Selma und Anna Maschke gehörten dazu. Sie wohnten – wie auch die anderen Deportierten – zuletzt in einem sogenannten „Judenhaus“, in das auf Befehl der Gestapo alle Jüdinnen und Juden zwangseingewiesen wurden: am Kleinen Kuhberg und am Feuergang 2. Die Häuser existieren nicht mehr. Heute befindet sich dort ein Teil des Vorplatzes der Wunderino Arena.
Aufgewachsen in Konitz/Chojnice
Selma Maschke (geb. 1864) und Anna Maschke (geb. 14. Juni 1869) waren in Konitz/Chojnice aufgewachsen, das heute zu Polen gehört. Sie hatten noch zwei Geschwister: Sophie (geb. 1875) und Georg. Ihre Eltern waren Amalie (geb. Wolff) und Ernst Aron Maschke. Als die Familie dort lebte, hatte die Stadt etwa 10.000 Einwohner:innen. Die Familie Maschke gehörte zur dortigen jüdischen Gemeinde.
Von Peine nach Kiel
Aus meinen Recherchen geht hervor, dass Selma und Anna zunächst zu ihrer Schwester Sophie nach Peine gezogen waren. Sophie hatte 1911 den Bankkaufmann Artur Wertheimer geheiratet. Im September 1920 zogen die beiden Schwestern nach Kiel und eröffneten 1923 in der Reventlouallee 3 eine Pension. Das Haus gehörte ihrem Schwager Arthur Wertheimer. Beide Schwestern traten der Israelitischen Gemeinde Kiel bei.
Raub jüdischer Immobilien und Unternehmen
Ab 1938 mussten jüdische Eigentümer:innen ihre Immobilien und Unternehmen verkaufen. Die Verkaufserlöse wurden beschlagnahmt, das Eigentum zu niedrigen Preisen an Angehörige der Mehrheitsgesellschaft übertragen. Auch die Reventlouallee 3 wurde der Familie Wertheimer geraubt. Anna und Selma Maschke mussten ihre Pension aufgeben. Am 15. April 1942 wurden beide gezwungen, auf Befehl der Gestapo in den Häuserblock Kleiner Kuhberg 25/Feuergang 2 umzuziehen.

Deportation am 19. Juli 1942 nach Theresienstadt
Im Sommer 1942 erhielten die beiden Frauen einen sogenannten „Evakuierungsbescheid“. Offiziell war von einer „Wohnsitzverlegung“ und einer Unterbringung in einem „Altersheim in Böhmen“ die Rede. Bettzeug, Kleidung und 50 Reichsmark durften sie mitnehmen. Der verbliebene Haushalt wurde ihnen nach dem Umzug in das Gängeviertel geraubt.


Die Sammelstelle für die Fahrt nach Hamburg war am 18. Juli 1942 um 15 Uhr am Kleinen Kuhberg. Ob es von hier direkt nach Hamburg ging oder sie erst am Morgen des 19. Juli 1942 nach Hamburg zum „Hannoverschen Bahnhof“ gebracht wurden, weiß ich im Moment nicht. Am 20. Juli 1942 kamen sie in Theresienstadt an.
Selma und Anna waren 78 beziehungsweise 74 Jahre alt, als sie dort ankamen. Ihre Schwester Sophie wurde kurze Zeit später von Wiesbaden ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Selma Maschke starb bereits am 19. August 1942 – vermutlich wie viele andere Opfer infolge von Unterernährung, Krankheiten und den katastrophalen Lebensbedingungen im Ghetto. Am 4. Juni 1943 starb auch ihre Schwester Sophie Wertheimer in Theresienstadt. Anna Maschke berichtete später, dass sie im Ghetto „als Kartoffelschälerin in einem feuchten Keller eingesetzt wurde“.
Befreiung 1945 in Terezin
Im Mai 1945 erlebte Anna die Befreiung des Ghettos Theresienstadt durch die Rote Armee. Anfang Juli 1945 wurde sie für vier Monate in einem Hamburger Krankenhaus behandelt. Danach zog sie zurück nach Kiel und war nochmals für zwei Monate im Städtischen Krankenhaus Kiel. Nach ihrer Entlassung lebte sie in der Waitzstraße 44. 1948 zog sie in ein Altersheim in der Hamburger Sedanstraße 23. Anna Maschke starb am 31. März 1954 im Alter von 85 Jahren im St. Josephs-Stift in der Hamburger Martinistraße 42.
