Charlotte, Robert und Claus Borchardt wohnten bis 1942 in der Hansastraße 79 in Hamburg-Eimsbüttel. Charlotte Breslauer wurde 1884 in Berlin und Robert Borchardt 1869 in der Hafenstadt Klaipėda (damals Memel) geboren. Robert wurde Kaufmann und kam 1889 nach Hamburg, um hier eine Stellung anzutreten. Zunächst arbeitete er für die Firma F. K. Borchardt. Zehn Jahre später machte er sich als Handelsvertreter und später mit einem Export- und Importgeschäft für „chemisch-technische Produkte, Mineralöle und Fette“ selbständig. Charlotte Breslauer heiratete 1923 Robert Borchardt. 1926 kam ihr Sohn Claus zur Welt. Sie zogen zunächst in die Eppendorfer Landstraße 14. Es folgten mehrere Umzüge, die durch die wirtschaftlichen Krisen in Deutschland bedingt waren.
Umzug in die Hansastraße 79 zum 1. April 1938
Mit der Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 änderte sich das Leben für jüdische Menschen grundlegend: Hetze und Hass, Stigmatisierung, gesetzliche Ausgrenzung und Existenzvernichtung bestimmten zunehmend ihren Alltag. Von 1938 bis 1942 wohnte die Familie Borchardt in der Hansastraße 79. Sie hoffte, durch Untervermietung finanziell über die Runden zu kommen.
Zwangsumzug in ein „Judenhaus“ im Durchschnitt 8
Am 26. Februar 1942 wurden sie gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ im Durchschnitt 8 (abgehend von der Grindelallee) umzuziehen. Diese Häuser dienten auch der organisatorischen Vorbereitung der Deportationen in den Osten. Am 18. Juli 1942 mussten sie die Borchardts in der Volksschule Schanzenstraße einfinden. Von ihrem Haushalt konnten sie nur das Nötigste mitnehmen. Der zurückgebliebene Besitz wurde von der Hamburger Polizei beschlagnahmt, durch eine Spedition abtransportiert und anschließend versteigert. Der Erlös wurde – nach Abzug von Provisionen – von der Stadt Hamburg einbehalten.
Deportation am 19. Juli 1942 über die Schule Schanzenstraße
Am 18. Juli 1942 wurde ihnen fast alles, was sie noch bei sich hatten, von anwesenden Beamten in der Schule abgenommen. Sie verbrachten die Nacht im zweiten und dritten Stock der Schule und wurden am 19. Juli 1942 von der Polizei in Mannschaftswagen zum Hannoverschen Bahnhof (heute Gedenkort in der HafenCity hinter dem SPIEGEL-Gebäude) gebracht. Von dort fuhr der Zug nach Theresienstadt.
Über die eigene Schule deportiert
Claus Borchardt war der einzige Schüler, der 1932 hier eingeschult worden war und 1942 über “seine” Schule deportiert wurde. Aufgrund einer leichten Sprachstörung besuchte er die dort eingerichtete “Sprachheilschule Altonaer Straße“. Ostern 1936 wurde er entlassen, da jüdische Schüler keine staatlichen Schulen mehr besuchen durften. Anschließend wechselte er auf die damalige Talmud-Tora-Schule, zunächst am Grindelberg, ab 1939 in der Karolinenstraße 35 in den Räumen der Israelitischen Töchterschule.
Ankunft in Theresienstadt
Am 20. Juli 1942 kamen die aus Hamburg Verschleppten im Ghetto Theresienstadt an. Dort wurde die Familie Borchardt getrennt. Claus, 16 Jahre alt, wurde einem „Jugendheim“ zugewiesen und täglich zur Arbeit außerhalb des Ghettos eingesetzt. Charlotte Borchardt erhielt eine Aufgabe in der Lagerverwaltung, im sogenannten Matratzenlager. Über Roberts Tätigkeit ist nichts bekannt. Er starb am 2. Oktober 1943 im Ghetto im Alter von 74 Jahren.
Vom Ghetto Theresienstadt ins KZ Auschwitz
In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1944 wurde Claus in das KZ Auschwitz deportiert. Die SS benötigte Arbeitskräfte für die Außenlager der Konzentrationslager im Deutschen Reich. In Auschwitz wurden Menschen, die als nichtarbeitsfähig galten, ermordet; die anderen wurden in die Außenlager überstellt und dort zur Zwangsarbeit, vor allem für die Rüstungs- und Energieindustrie, eingesetzt.
Letzter Lebensort: Außenlager Kaufering des KZ Dachau
Claus Borchardt wurde am 10. Oktober 1944 von Auschwitz in das KZ Dachau gebracht und kam von dort in das Außenlager Kaufering. Im Rahmen eines Rüstungsprojekts sollten im Frauenwald bei Landsberg drei riesige halbunterirdische Bunker für die Produktion des Düsenjägers Messerschmitt Me 262 entstehen. Bis Ende April 1945 waren etwa 30.000 Gefangene in den Lagern eingesetzt, darunter rund 4.200 Frauen und 850 Kinder. Die meisten mussten in primitivsten Erdhütten leben. In nur zehn Monaten starben schätzungsweise mindestens 14.500 Häftlinge durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung, Hinrichtungen, Deportationen nach Auschwitz-Birkenau sowie durch Todesmärsche. Claus Borchardt starb am 3. Januar 1945 im Alter von 18 Jahren im KZ Kaufering.
Befreiung im Mai 1945 in Terezin
Charlotte Borchardt erfuhr erst nach der Befreiung des Ghettos Theresienstadt am 4. Mai 1945, dass ihre gesamte Familie – ihr Mann, ihr Sohn und ihre Geschwister – ermordet worden war. Sie schrieb: „Ich selbst habe auf diese Weise meine ganze Familie, meinen Mann, meinen einzigen geliebten Sohn und meine Geschwister verloren und bin von fünf Personen allein zurückgeblieben. Der Wille zum Weiterleben besteht bei mir nur in ganz geringem Maße; denn noch weiß ich nicht, was ich beginnen werde, da ich weder Angehörige noch Heim noch Heimat mehr besitze.“