Claus Borchardt ist der einzige bekannte Schüler der Schule Schanzenstraße, der am 19. Juli 1942 über seine Grundschule deportiert wurde. Er wurde am 8. Mai 1926 in Hamburg geboren und wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Er war das einzige Kind von Charlotte Breslauer aus Berlin (geb. 1884) und Robert Borchardt (geb. 1869) aus Klaipėda (damals Memel). Die beiden heirateten am 27. Januar 1923 in Berlin-Schmargendorf. Robert lebte seit 1889 in Hamburg, war Kaufmann und seit 1909 selbstständiger Handelsvertreter und besaß die Hamburgische Staatsbürgerschaft. Das Paar lebte seit 1923 gemeinsam in Hamburg in der Eppendorfer Landstraße 14. 1930 zogen sie in den Borstelmannsweg.
Aufgrund eines Sprachfehlers wurde Claus Borchardt mit Einverständnis seiner Eltern Ostern 1932 in die Sprachheilschule Altonaer Straße eingeschult. Sie war zwar eine Sonderschule, verfolgte jedoch das gleiche Ziel wie eine Volksschule, einen Abschluss nach der 8. Klasse. Zu diesem Zeitpunkt lebte die Familie in der Schlüterstraße 77a.
Es gab seit den 1920er Jahren zwei Sprachheilschulen in Hamburg: eine in der Rostocker Straße 62 und eine in der Altonaer Straße 58 (heute 38). Seit 1925 befand sich die Sprachheilschule im zweiten und dritten Stock des Hauptgebäudes der Volksschule Schanzenstraße.Zuvor war sie 1922 in der Schule Seilerstraße 42 angesiedelt gewesen und 1924 auf das Schulgelände in ein Gebäude der Schulleitung in der Eckernförder Straße 81 verlegt worden.
Im März 1933 bildeten die NSDAP (31,2 %) zusammen mit der DNVP/Stahlhelm (4,3 %), der Deutschen Staatspartei (11,2 %) und der Deutschen Volkspartei (3,2 %) den Hamburger Senat. Durch das Verbot der KPD konnten deren Abgeordnete nicht an der Sitzung der Bürgerschaft teilnehmen, sodass die relative Mehrheit zur Wahl des Faschisten Bürgermeister Krogmann ausreichte. Er eröffnete seine damalige Rede in der SA-Uniform. In den Schulen wurden die Schulleitungen ausgewechselt, so auch an der Sprachheilschule in der Altonaer Straße. Ab April 1933 wurden Lehrer entlassen, die der SPD oder KPD angehörten oder ihnen nahestanden.
Seit 1934 wurde der Besuch einer Sprachheilschule verpflichtend und lag nicht mehr im Ermessen der Eltern. Die sogenannte „Erbgutlehre“ wurde zum zentralen Kriterium bei der Beurteilung neuer Schüler:innen. Lehrer und Ärzte begannen mit der systematischen Erfassung, um angeblich „schädliches Erbgut“ auszusondern. Bereits 1934, im Jahr der gesetzlichen Regelung, wurden fünf Menschen mit einer LKG-Spalte zwangssterilisiert. Auch an der Sprachheilschule Altonaer Straße wurden Schüler wegen Stotterns zwangssterilisiert, so etwa Arno Hinck im Jahr 1936.
Da Claus Borchardt ein Kind jüdischer Eltern war, wurde er Ostern 1936 aus der Sprachheilschule Altonaer Straße entlassen.

Nach 1945 sprach kein einziger Lehrer dieser Schule über ihn und seine Entlassung. Angesichts dessen, dass die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung ein zentrales Element des NS-Systems war, ist dieses Schweigen bezeichnend. Auch über die zwangssterilisierten Sprachheil-Schüler:innen wurde nach 1945 kaum gesprochen.
Ab Ostern 1936 besuchte Claus Borchardt die Talmud Tora Schule am Grindelberg, neben der Bornplatzsynagoge. Die Familie wohnte weiterhin in der Schlüterstraße 77a. 1937 erkrankte Claus an Diphtherie und wurde in der Universitätsklinik Eppendorf behandelt, wobei die Eltern die Kosten selbst tragen mussten. Zum 1. April 1938 zog die Familie in die Hansastraße 79. 1941 beendete Claus Borchardt mit Abschluss der 8. Klasse seine Schulzeit an der Israelitischen Töchterschule in der Karolinenstraße 35.
Am 26. Februar 1942 wurde die Familie gezwungen, ihre Wohnung in der Hansastraße 79 zu verlassen und in ein sogenanntes „Judenhaus“ im Durchschnitt 8 (abgehend von der Grindelallee) umzuziehen. Diese Häuser dienten auch der organisatorischen Vorbereitung der Deportationen.

Am 18. Juli 1942 mussten sie sich in der Volksschule Schanzenstraße einfinden. Aus ihrem Haushalt konnten sie nur das Nötigste mitnehmen. Der zurückgebliebene Besitz wurde von der Hamburger Polizei beschlagnahmt, durch eine Spedition abtransportiert und anschließend versteigert. Der Erlös wurde – nach Abzug von Provisionen – von der Stadt Hamburg einbehalten. Der Haushalt aus der Hansastraße 79, der nicht mit in den Durchschnitt konnte, wurde den Borchardts geraubt.
Am 18. Juli 1942 wurde ihnen zudem fast alles, was sie noch bei sich hatten, von anwesenden Beamten abgenommen. Sie verbrachten die Nacht im zweiten und dritten Stock der Schule, in den Räumen der ehemaligen Sprachheilschule und wurden am 19. Juli 1942 von der Polizei in Mannschaftswagen zum Hannoverschen Bahnhof (heute Gedenkort in der HafenCity hinter dem SPIEGEL-Gebäude) gebracht. Von dort fuhr der Zug nach Theresienstadt. Am 20. Juli 1942 kamen die aus Hamburg Verschleppten im Ghetto Theresienstadt an. Dort wurde die Familie Borchardt getrennt.
Claus, damals 16 Jahre alt, wurde einem „Jugendheim“ zugewiesen und täglich zur Arbeit außerhalb des Ghettos eingesetzt. Charlotte Borchardt erhielt eine Tätigkeit in der Lagerverwaltung im sogenannten Matratzenlager, später wurde sie zur Zwangsarbeit eingesetzt. Über Roberts Tätigkeit ist nichts bekannt. Er starb am 2. Oktober 1943 im Ghetto im Alter von 74 Jahren.
In der Nacht vom 28. auf den 29. September 1944 wurde Claus in das KZ Auschwitz deportiert. Die SS benötigte Arbeitskräfte für die Außenlager der Konzentrationslager im Deutschen Reich. In Auschwitz wurden Menschen, die als nicht arbeitsfähig galten, ermordet; die anderen wurden in Außenlager überstellt und dort zur Zwangsarbeit, vor allem für die Rüstungs- und Energieindustrie, eingesetzt.
Am 10. Oktober 1944 wurde Claus Borchardt von Auschwitz in das KZ Dachau in der Nähe von München deportiert und von dort in das Außenlager Kaufering überstellt. Im Rahmen eines Rüstungsprojekts sollten im Frauenwald bei Landsberg drei große halbunterirdische Bunker für die Produktion des Düsenjägers Messerschmitt Me 262 entstehen.
Bis Ende April 1945 waren etwa 30.000 Gefangene in den Lagern eingesetzt, darunter rund 4.200 Frauen und 850 Kinder. Die meisten mussten in primitivsten Erdhütten leben. In nur zehn Monaten starben schätzungsweise mindestens 14.500 Häftlinge durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung, Hinrichtungen, Deportationen nach Auschwitz-Birkenau sowie durch Todesmärsche.

Claus Borchardt starb am 3. Januar 1945 im Alter von 18 Jahren im KZ Kaufering.